Heute vor 110 Jahren: SPD zieht erstmals in den Gemeinderat ein

Am 27. Dezember 1907 hatten Ravensburgs Sozialdemokraten allen Grund zum Feiern. 37 Jahre nach Gründung der Partei gelang ihnen erstmals der Sprung in den Gemeinderat. Das Ergebnis war äußerst knapp: Mit 480 Stimmen holte der 47-jährige Gastwirt Lorenz Ehrler das letzte zu vergebende Mandat. Insgesamt 11,8 Prozent errang die SPD-Liste. Sieger der Wahl wurde die katholische Zentrumspartei mit 60,2 Prozent und 5 Sitzen. Die Listenverbindung der beiden liberalen Parteien, Deutsche Partei und Volkspartei, kam auf 27,9 Prozent und 2 Sitze.

Im Königreich Württemberg wurden die Gemeinderäte damals auf sechs Jahre gewählt, wobei alle zwei Jahre ein Drittel der Räte zur Wahl stand. Wahlberechtigt war nur die männliche Bevölkerung ab 25 Jahren.

Das Ergebnis war eine kleine Sensation: Ravensburg war zwar eine der ersten Städte Deutschlands gewesen, in denen sich die Sozialdemokratie bereits in den 1870er Jahren organisiert hatte. Dennoch stieß die „unchristliche Gesellschaft“ (Oberschwäbischer Anzeiger, 30.01.1890) auch um die Jahrhundertwende immer noch auf breite Ablehnung in der Stadt.

Gebürtiger Badener

Lorenz Ehrler wurde am 11. August 1860 im badischen Wittelbach (heute Gemeinde Seelbach) als sogenanntes „lediges Kind“ geboren. Seine Mutter Maria Anna Ehrler war Magd auf dem „Joggeseppenhof“, der ihrem Bruder gehörte. Dort wuchs der kleine Lorenz zusammen mit seinem älteren Bruder Conrad auf. Über seinen Vater ist nichts bekannt.

1882 heiratete Lorenz Ehrler die drei Jahre jüngere Philomina Fischbach. 1904 kam die Tochter Anna zur Welt, 1911 der Sohn Lorenz, dessen Nachkommen noch heute in Ravensburg leben. Das erlernte Schreinerhandwerk gab Lorenz Ehrler bald wieder auf und betrieb zusammen mit seiner Frau das Wirtshaus „Heilig Kreuz“ in der Gartenstraße 75, ein bei Ravensburgs Sozialdemokraten beliebter Treffpunkt.

SPD-Gemeinderat bis 1933

Nach seiner ersten Wahl 1907 gehörte Lorenz Ehrler dem Ravensburger Gemeinderat ununterbrochen bis 1933 an. Erst im Zuge der Gleichschaltung des Gemeinderats durch die Nationalsozialisten im April 1933 verlor er sein Mandat. Während der Novemberrevolution, die 1918/19 zum Sturz der Monarchie führte, war er Mitglied des Arbeiterrats Ravensburg-Weingarten. Er vertrat dort gemäßigte Positionen und wandte sich gegen die Beteiligung am großen Generalstreik im April 1919, zu dem die radikaleren Kräfte um Heinrich Matthiesen aufgerufen hatten.

Lorenz Ehrler war offenbar sehr beliebt in Ravensburg, erzielte er doch bei jeder Wahl das mit Abstand beste Ergebnis aller SPD-Kandidaten. Neben seiner politischen Arbeit engagierte er sich im Bau- und Sparverein, dessen Aufsichtsrat er von 1906 bis 1916 angehörte. Am 30. September 1939 starb er in Ravensburg.

Frank Vollmer

Erschienen in: Schwäbische Zeitung, 27. Dezember 2017

Das Bild zeigt den Marienplatz in Ravensburg im Jahr 1910.

 

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