Die Macht des Internets

Mit seiner Hilfe lassen sich Wahlen gewinnen und Regime stürzen. Es macht Märkte transparenter und Wissen frei zugänglich. Das Web hat die Gesellschaften verändert.

Vier Jahrzehnte nach seiner Entstehung ist das Internet in der Mitte der Gesellschaft angekommen – und es wirbelt diese zuweilen gründlich durcheinander. So hat Barack Obama aller Welt gezeigt, dass sich mit dem Web Wahlen gewinnen lassen. Bei den Präsidentschaftswahlen 2008 setzte er neue Massstäbe im Wahlkampf: Zur Mobilisierung von freiwilligen Helfern baute er mit MyBarackObama.com ein eigenes soziales Netzwerk auf. Mit Twitter und Facebook hielt er seine Anhänger auf dem Laufenden. Und während seine Konkurrenten primär auf das Fernsehen setzten, präsentierte sich Obama in YouTube-Videos. Auch bei der Wahlkampffinanzierung ging der clevere Kandidat neue Wege und trommelte über seine Website rund eine halbe Milliarde Dollar an Spenden zusammen.

Medium der politischen Emanzipation

Ob beim Arabischen Frühling oder den Jugendprotesten in Spanien – zur Organisation von politischen und sozialen Protesten ist das Internet heute unverzichtbar: Über Facebook werden die Anhänger mobilisiert, via Twitter und YouTube gelangen Nachrichten und Bilder der Proteste an die Öffentlichkeit. Das Internet hat die politische Kommunikation von Grund auf verändert und so die Umstürze im arabischen Raum erst ermöglicht. Dagegen war die polnische oppositionelle Gewerkschafsbewegung Solidarnosc der 1980er Jahre noch auf illegal ins Land geschmuggelte Kopiergeräte angewiesen, um ihre Botschaften zu verbreiten.

Frei zugängliches Wissen

Indem heute – zumindest in den Industriestaaten – grosse Teile des Weltwissens allen Bürgern zugänglich sind, hat das Internet zu einer Demokratisierung des Wissens geführt. Innerhalb eines Jahrzehnts hat sich etwa das Online-Nachschlagewerk Wikipedia zur umfassendsten Enzyklopädie der Menschheitsgeschichte entwickelt.

Kaufentscheidung fällt im Web

Nie zuvor waren die Märkte so transparent wie heute: Zwei Drittel aller Internet-Nutzer surfen auf Preisvergleichsseiten wie toppreise.ch oder comparis.ch. Sieben von zehn Nutzern lassen sich von Bewertungen und Kommentaren in Blogs, Foren und sozialen Netzwerken in ihrer Kaufentscheidung beeinflussen, wie eine Studie des deutschen Meinungsforschungsinstituts Allensbach zeigt. Der Erfolg eines Produkts hängt daher immer stärker davon ab, was die Verbraucher im Web schreiben. Immer beliebter werden auch Plattformen wie kununu.com oder meinchef.de, auf denen Beschäftigte ihrem Arbeitgeber Zensuren geben können.

Negative Postings haben Folgen

Gleichzeitig befasst sich nur jedes fünfte Unternehmen ernsthaft damit, was im Web über seine Marken und Produkte diskutiert wird. Dabei können sich selbst vermeintlich unbedeutende Äußerungen rasend schnell im Internet verbreiten und zu Imageschäden führen. Steht ein Unternehmen erst einmal am digitalen Pranger, dann wird es sehr schwer, die Schmähungen wieder zu entfernen.

Das Web ist innerhalb weniger Jahre zu einem wichtigen Machtfaktor geworden. Man muss wissen, wie man damit umgeht. Oder wie Microsoft-Gründer Bill Gates es formulierte: „Das Internet ist wie eine Welle. Entweder man lernt auf ihr zu schwimmen oder man geht unter.“

Frank Vollmer

Erschienen in: Wirtschaft regional, 03. Dezember 2011

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