Lorenz Ehrler: erster SPD-Gemeinderat in Ravensburg

Am Abend des 27. Dezembers 1907 hatten die Ravensburger Sozialdemokraten allen Grund zu feiern. Über 37 Jahre nach Gründung der Partei war erstmals einem der ihrigen der Sprung in den Gemeinderat geglückt. Äußerst knapp war das Ergebnis gewesen. Mit 480 Stimmen rutschte Lorenz Ehrler gerade noch als Letztplatzierter in den Gemeinderat.

Lorenz Ehrler wurde am 11. August 1860 im badischen Wittelbach (Bezirk Lahr) geboren. Den erlernten Schreinerberuf gab er bald wieder auf. Zusammen mit seiner Frau Anna betrieb er in Ravensburg das Gasthaus „Heilig Kreuz“ in der Gartenstraße (heute Pizzeria „La Gondola“). Die Gaststätte wurde bald zu einem wichtigen Treffpunkt der Ravensburger Sozialdemokraten. Auch so manche SPD-Veranstaltung wurde im „Heilig Kreuz“ abgehalten.

Bereits früh engagierte sich Ehrler in der sozialdemokratischen Bewegung. Während der Revolution 1918/19 gehörte er dem Arbeiterrat Ravensburg-Weingarten an. Der Sozialdemokrat war aber ein entschiedener Gegner des Generalstreiks vom April 1919, zu dem die radikale Linke auch in Ravensburg aufgerufen hatte.

Über 25 Jahre vertrat Lorenz Ehrler die SPD im Ravensburger Gemeinderat. Bei sämtlichen Kommunalwahlen erzielte der Gastwirt mit weitem Abstand das beste Resultat aller SPD-Bewerber. Nach der Gleichschaltung des Gemeinderats durch die Nationalsozialisten im April 1933 verlor Ehrler sein Gemeinderatsmandat.

Auf dem SPD-Wahlvorschlag für die Zusammenstellung des Gemeinderats nach den Ergebnissen der Reichstagswahlen vom März 1933 trat er ein letztes Mal auf Listenplatz zwei an. Doch nur dem Erstplazierten Heinrich Matthiesen wurde ein Mandat zugewiesen. Dieser konnte sein Mandat erst gar nicht antreten, da er noch vor der Eröffnungssitzung des neuen Gemeinderats von den Nazis in „Schutzhaft“ genommen worden war. Als Matthiesen daraufhin sein Mandat niederlegte, hätte eigentlich der Gastwirt Ehrler für ihn nachrücken müssen. Der Gemeinderat beschloss aber die Frage der Neubesetzung des der SPD zustehenden Sitzes „bis zur Klarstellung der einschlägigen Bestimmungen“ auszusetzen. Mit dem Verbot der SPD im Juni 1933 wurde auch das Ehrler zustehende Mandat aufgehoben.

Lorenz Ehrler starb am 30. September 1939 in Ravensburg.

Frank Vollmer

Erschienen in: Staudacher, Ingrid (Hrsg.) (1995): 125 Jahre Sozialdemokraten für Ravensburg (1870 – 1995). Ravensburg: 28.

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