August Bebel begeistert in Ravensburg

Am 16. November 1869, also heute vor genau 130 Jahren, besuchte August Bebel Ravensburg. Mit einer flammenden Rede warb der prominente Sozialdemokrat bei den Mitgliedern des Arbeiterbildungsvereins Ravensburg für den Anschluss an seine Partei.

Auf den ersten Blick bot der 16. November 1869 wenig Spektakuläres: Vormittag musste sich ein Tettnanger Schuhmacher wegen einer Messerstecherei vor Gericht verantworten, nachmittags verhandelten die Richter über einen Fall von „Ehrenkränkung“ und für abends um acht Uhr hatte der Liederkranz zu einer „Plenar-Versammlung“ eingeladen. Jener Dienstag des Jahres 1869 wäre wohl kaum in die Annalen der Stadt Ravensburg eingegangen, wenn nicht irgendwann im Laufe des Tages am Bahnhof ein adrett gekleideter, bärtiger, junger Herr dem aus Ulm kommenden Zug entstiegen wäre.

Auf Agitationsreise durch Süddeutschland

August Bebel (1840 – 1913), selbstständiger Drechslermeister und seit 1867 zudem Abgeordneter im Reichstag des Norddeutschen Bundes, befand sich auf einer Agitationsreise durch Süddeutschland. Unter der bayerischen und württembergischen Arbeiterschaft wollte der Leipziger Politiker für einen Beitritt zu seiner Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) zu werben. Erst drei Monate zuvor, im August 1869, hatte Bebel die Partei zusammen mit Wilhelm Liebknecht und anderen Gesinnungsgenossen in Eisenach gegründet.

August Bebel
Der Leipziger Drechslermeister August Bebel (1840 – 1913) war Abgeordneter im Norddeutschen Reichstag und einer der Gründerväter der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei.

Ravensburg war für den Sozialdemokraten dabei durchaus ein interessantes Pflaster. Die damals rund 8.000 Einwohner zählende Stadt hatte sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem der wichtigsten Industriezentren im Königreich Württemberg entwickelt. Bereits 1864 war ein „Arbeiterbildungsverein“ wiedergegründet worden, der mittlerweile rund 80 Mitglieder zählte. Als Selbsthilfeorganisation des demokratisch gesinnten Teils der Arbeiterschaft kümmerte sich der Verein um die rechtlichen, sozialen und materiellen Interessen seiner Mitglieder. Darüber hinaus bot er ihnen mit Büchern, Zeitungen und Vorträgen die Möglichkeit zur beruflichen und politischen Weiterbildung.

Ein völlig unerwarteter Besuch

Mit August Bebels Abstecher nach Ravensburg hatte der hiesige Arbeiterbildungsverein keineswegs gerechnet. Erst am Vortag waren die Ravensburger von ihren Göppinger Kollegen, die Bebels Reise durch Württemberg organisierten, mit der Nachricht überrascht worden, dass der populäre Sozialdemokrat auch in ihrer Stadt eine „Volksversammlung“ abhalten wolle. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die sensationelle Nachricht unter den Mitgliedern des Arbeiterbildungsvereins Ravensburg. Die „Brudervereine“ in Tettnang und Weingarten wurden ebenfalls umgehend in Kenntnis gesetzt.

Die Versammlung fand wohl im damaligen Gasthaus „Drei Könige“ in der Marktstraße 12 statt, dem Tagungslokal des Arbeiterbildungsvereins. Der in Ravensburg erscheinende konservativ-katholische „Oberschwäbische Anzeiger“ widmete dem Besuch des Sozialdemokraten keine Zeile. Unsere recht genauen Kenntnisse über den Ablauf jenes Abends verdanken wir vielmehr einem ausführlichen Bericht, der am 24. November 1869 im „Volksstaat“ abgedruckt wurde, dem offiziellen Organ der SDAP.

Ein dicker Zinngießermeister in Ekstase

Die Mitglieder der Arbeiterbildungsvereine und „ein Theil der hiesigen Bevölkerung, darunter viele Fabrikanten, füllten das Lokal vollständig“. Bebel referierte über die „soziale Frage“ der Arbeiterschaft. Der brillante Redner verstand es, seine Zuhörer zu begeistern. Sein „eingehender Vortrag“, so schreibt der anonym gebliebene Berichterstatter, „erfreute sich ungetheilter Aufmerksamkeit“. Lediglich ein „dicker Zinngießermeister, der infolge des genossenen Bieres und der großen Hitze im Saal etwas in Exstase gerathen war“, versuchte die Ausführungen Bebels „in sehr unparlamentarischer Weise zu unterbrechen“, wurde deshalb aber sofort vom Vorsitzenden „zur Ordnung gerufen“.

Entschieden trat der Sozialdemokrat Bebel für eine Verkürzung der Arbeitszeit und die Einführung entsprechender gesetzlicher Regelungen ein. Selbst einer der im Saal anwesenden Fabrikanten soll mit diesen Forderungen „vollkommen einverstanden“ gewesen sein, während ein anderer Unternehmer meinte, daß „man es dem einzelnen Arbeiter nicht wehren dürfe, wenn er länger arbeiten wolle; die ‚persönliche Freiheit‘ dürfe nicht beschränkt werden“.

Ein dreifaches Hoch auf Herrn Bebel!

Die Veranstaltung schloss mit einem „dreifachen Hoch auf Herrn Bebel“, das der Ravensburger Reallehrer Kurz ausbrachte, und „in das die Versammlung stürmisch einstimmte“. August Bebel konnte rundum zufrieden sein. Zumindest den größeren Teil seiner Zuhörer hatte er für die Ideen der Sozialdemokratie begeistern können. Die Reise ins entlegene Oberschwaben hatte sich wahrlich gelohnt!

Wie erfolgreich der Sozialdemokrat Bebel letztendlich für seine Partei geworben hatte, das zeigt eine kurze Notiz, die vier Monate später, am 23. März 1870, im „Volksstaat“ erschien. Darin gab der SDAP-Parteisekretär Leonhard von Bonhorst den Beitritt des Arbeiterbildungsvereins Ravensburg zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei bekannt, der wohl im Zeitraum zwischen Mitte Februar und Mitte März 1870 erfolgt war. Ravensburg gehörte damit zu den ersten Städten in Deutschland, in denen die damals noch junge Sozialdemokratie Fuß fassen konnte.

Frank Vollmer

Erschienen in: Schwäbische Zeitung, 16. November 1999

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